Achim Heukemes durchquert laufend Australien in 43 Tagen

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Achim Heukemes durchquert laufend Australien in 43 Tagen

 

 

 

Extremsportler Achim Heukemes spricht über Rekorde und sein jüngstes Lauf-Abenteuer: In 43 Tagen zu Fuß quer durch Australien

„Die Sonne brennt, die Haut wird runzlig, die Lippen platzen“

Mit 53 Jahren wollen viele das Leben etwas ruhiger haben. Für Achim Heukemes ist das nichts. „Altersgrenzen sind für viele eine Entschuldigung dafür, sich auszuruhen“, sagt der 53 Jahre alte Extremsportler aus dem oberfränkischen Gräfenberg. 1999 Deutscher Rekord im 48-Stunden-Lauf mit 389,5 Kilometern, 2002 Deutscher Rekord im Sechs-Tage-Lauf mit 843,274 Kilometern, 2002 Weltrekord in der Altersklasse M 50 im Sechs-Tage-Lauf, 2002 Weltrekord im 1000-Kilometer-Lauf M 50 – Heukemes‘ Karriere ist gespickt mit Superlativen.

Mit Skiunterhose durch die Wüste

Jüngst hat der Ultraläufer seinen vielen Rekorden noch einen weiteren hinzugefügt: In 43 Tagen, 13 Stunden und 8 Minuten durchquerte er zu Fuß Australien und legte dabei 4568 Kilometer zurück. Das entspricht einem Schnitt von über zwei Marathons pro Tag. Damit brach der Oberfranke den bisherigen Weltrekord des Franzosen Serge Girard, der für die Durchquerung des fünften Kontinents 47 Tage benötigte. Die Route führte Heukemes von Fremantle im Westen unter anderem über Adelaide und Melbourne nach Sydney, wo ihm die Fans einen begeisternden Empfang bereiteten. Härteste Passage dieses Abenteuers war der Lauf durch die Nullarbor-Wüste. „Die Hitze hatte ich mir nicht so vorgestellt. Die Sonne scheint dort nicht, sie brennt“, erzählt Heukemes bei einer Dia-Show in der Stadtsteinacher Steinachtalhalle von den Strapazen. „Die Haut wird runzelig, die Lippen platzen auf und bluten.“ Bereits der „Eingang zur Nullarbor“ zeige ein schreckliches Bild. Der Gräfenberger spricht von einem Tierfriedhof. „Alle hundert Meter liegen tote oder verwundete Kängurus. Der Gestank ist
bestialisch.“ Mit Geschwindigkeiten von bis zu 120 Stundenkilometern seien die Trucks auf den wenig befahrenen Autobahnen unterwegs. „Die können bei ihrem riesigen Bremsweg nicht wegen jedem Känguru stoppen“, meint Heukemes. Die menschenfeindlichen Bedingungen in der Nullarbor erforderten ungewöhnliche Methoden. Um seine Beine vor Verbrennungen zu schützen, lief der Gräfenberger mit der Skiunterhose seiner Freundin. „Wir hatten das Teil eingepackt, weil es bei unserer Abreise nach Australien noch ziemlich kalt war.“

Heukemes erzählt von den vielen Begegnungen mit den Menschen Australiens. Bewegt hat ihn vor allem das Schicksal der Aborigines – die Ureinwohner Australiens. „Naturvölker faszinieren mich. Leider stülpen wir Weißen ihnen willkürlich unser Lebensmodell über, nur weil wir es für das beste halten und zerstören damit ihre Kultur“, kritisiert der Gräfenberger. Seine Sympathien für die Aborigines beruhten auf Gegenseitigkeit. Ein Häuptling bemalte den Oberkörper des Extremsportlers mit den Nationalfarben der Ureinwohner. Und er wünschte Heukemes viel Glück für den Lauf. „Darauf bin ich sehr stolz“, sagt der Ultraläufer. „Normalerweise geben die Aborigines keinem Weißen die Hand.“

Bei den Erzählungen des 53-Jährigen wird die Weite des fünften Kontinents („Deutschland passt da 30 Mal rein“) deutlich. Er schildert die Strapazen auf der „längsten Geraden der Welt“– ein Straßenabschnitt, der 149 Kilometer lang nur schnurgerade verläuft. Bei solchen Abenteuern wie jenem in Australien verzichtet der Oberfranke auf einen großen Betreuerstab. Begleitet wurde er nur von seiner Lebensgefährtin Eva und einem Freund. „Wenn zwölf Mann dabei sind, dann hast du nur Theater. Da bilden sich immer Grüppchen.“

Aus dem Publikum kommt die Frage, wie er sich in Schwächephasen motiviere. „Wenn es mir schlecht geht, sage ich mir immer ,Jammere nicht so rum. Es gibt zahlreiche Menschen, denen es viel schlechter geht‘“, antwortet Heukemes. Zähigkeit und Willensstärke zeichnen ihn aus. Erst mit 34 Jahren hat der gebürtige Wuppertaler mit dem Laufsport begonnen. Damals arbeitete er als Lkw-Fahrer in einer Spedition. Zuvor hatte Heukemes eine Lehre als Industriekaufmann abgeschlossen. In seiner Freizeit fuhr er am liebsten mit dem Motorrad quer durch Europa. Sein Hang zu Extremen wurde schon zu diesem Zeitpunkt deutlich. Es ist eine Geschichte überliefert, wonach Heukemes von Wuppertal zur Eiger-Nordwand nonstop 2000 Kilometer zurücklegte. „Ich war so‘n richtiger Harley-Davidson-Freak“, sagt er. Dann kam ein Unfall („Da hat mich einer richtig umgenietet“) und die Lust aufs Motorradfahren war weg.

Nach seinem Umzug nach Mittenwald lernte Heukemes den in Fachkreisen bekannten Bergläufer Kurt König kennen, der ihn auch zu seinem ersten Wettkampf überredete. „Er hat gesagt, aus mir könne ein Großer werden. Das hat mich motiviert.“ Heute ist Heukemes professioneller Ultrasportler. Die vielen Rekorde in seiner Laufzeit sind für ihn nach eigener Aussage nur Mittel zum Zweck. „Sie sorgen dafür, dass sich die Medien für mich interessieren. Die Kraft schöpfe ich aber daraus, dass ich mit meinen Leistungen anderen Menschen helfen kann.“ Heukemes läuft zugunsten von Knochenmark-geschädigten „Franconi-Kindern“. Bei seiner Australien-Durchquerung hat er „Run-for-life“-Armbänder verkauft. Der Erlös geht an Tsunami-Opfer.

Immer in Etappen denken

„Als Sportler“, sagt der 53-Jährige, „muss man mit ganzem Herzen bei der Sache sein. Dann kann man alles schaffen.“ Einen solchen Satz könnte man als Platitüde aus einem „Denk positiv“-Seminar irgendwelcher Lebenshilfe-Gurus abtun. Aber Heukemes ist glaubwürdig, weil er eine solche Einstellung vorlebt. „Schauen Sie sich die meisten Profisportler an. Die haben zehn Millionen auf dem Konto und können mit 35 in Rente gehen. Da fehlt der Anreiz, sich weiter zu quälen.“ In die Technik hat der Gräfenberger nur begrenzt Vertrauen. Deshalb rät er allen Fitness-Fans, weniger auf Pulsmesser und „mehr auf den Körper zu hören“. Und: „Immer in Etappen, nie an die Gesamtstrecke denken.“

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