on 4. Dezember 2009 by laufsport in Laufnews, Comments (1)
Der Lauf- und Marathonboom
Der Lauf- und Marathonboom
Autor und Copyright: Herbert Steffny
Der Laufboom in Deutschland hält ungebrochen an. Waren Läufer vor 20 Jahren noch Exoten, so sind sie heute eher das „herumlaufende schlechte Gewissen der Noch-nicht-läufer“. Sehr optimistische Schätzungen gehen von rund 16 Millionen Läufern in Deutschland aus, aber diese Zahlen der Sportartikelindustrie haben wohl jedem verkauften Paar Laufschuhe gleich einen Läufer zugeordnet. Laufschuhe sind für viele heute coole, bequeme und orthopädisch aufwändig gefertigte „Straßentreter“, die als Freizeitartikel noch nicht unbedingt zu einer Läuferkarriere geführt haben. Die Zahl der regelmäßig in Vereinen trainierenden oder in 3.500 Lauftreffs mehr oder weniger organisierten Läufer und der kaum erfassbaren, aber stark zunehmenden Freizeitjogger dürfte realistisch vielleicht auf fünf Millionen eingeschätzt werden. Hinzu kommen nochmals einige Millionen Gelegenheitsjogger, die nur sehr unregelmäßig laufen, bei einer Befragung aber sicherlich auch Laufen als Hobby angeben. Nachfolgend möchte ich einige Änderungen, aber auch Trends in der Marathonbewegung der letzten Jahrzehnte aufzeigen.
Vom Naturmarathon zum Citylauf
Hat man in den 60er oder 70er Jahren Marathonläufer irgendwo auf die grüne Wiese geschickt, so ist heute kaum eine Großstadt ohne Citymarathon denkbar. War Ende der 60er Jahre der Bräunlingen Marathon, ein Naturmarathon im Südschwarzwald mit rund 2.000 Teilnehmern zeitweilig der größte Marathon der Welt, so boomt heute der Citymarathon und Bräunlingen kämpft ums Überleben. Im benachbarten Freiburg beispielsweise gelang 2004 die erfolgreiche Premiere eines Citylauf-Newcomers ohne anderen Veranstaltern Teilnehmern wegzunehmen. 2005 starteten im zweiten Jahr bereits rund 14.000 Teilnehmer über die halbe und volle Distanz und das Debüt des Mittelrhein Marathon unterhalb der Loreley ist mit 8.000 Startern bereits ausgebucht. Beliebt sind insbesondere Landschaften oder Städte, die ein attraktives Rahmenprogramm bieten können. Berlin, Hamburg, Paris oder New York sind immer eine Reise wert. Begleitpersonen, Ehepartner oder Kinder sind viel leichter zu einem Marathon Wochenende in solchen Städten zu überreden. Da wollten sowieso alle schon mal hin. Die vergleichsweise schwierige Strecke von New York ist sportlich zwar eher eine Herausforderung, aber „Big Apple“ zieht immer. Immerhin liefen 2004 rund 2.200 Deutsche im Mekka des Marathonlaufs und erfüllten sich dort einen Lebenstraum. Bestzeitenjäger bevorzugen schnellere Strecken. Was würde man in Frankfurt schimpfen, wenn über den Main hohe Brücken wie die Verrazano oder Queensborough Bridge zu überlaufen wären. In Deutschland meckert man in Hamburg über die “Berganstrecke” auf den letzten 2 Kilometern. Die 15 Höhenmeter sind im Vergleich zu den 40 bis 70 Meter Anstiegen und dem wirklich schwierigen Central Park in New York eigentlich ein Kinderspiel. Die viel schnellere Strecke in Chicago, einem topfebenen Marathon mit 33.082 Finishern und perfekter Organisation, kennt bei uns fast niemand.
Spassfaktor statt Leistungsgedanke
Das wirkliche Mekka des Marathons in den USA ist Boston. Amerikaner trainieren ein Läuferleben lang darauf sich für Boston durch Unterbietung eines Zeitlimits zu qualifizieren, um anschließend stolz die Finisher-Jacke mit dem Emblem des Boston Marathons zu tragen. Wer dort starten durfte, muß wirklich ein guter Läufer sein! Kein Marathon der Welt genießt in seiner Heimat einen solchen Kultstatus wie Boston. 109 Jahre unvergleichbare Marathontradition hinterlassen ihre Spuren. Dennoch laufen dort jährlich nur wenige Deutsche mit. Statt dessen genießen Happenings oder Events wie der Medoc Marathon in Bordeaux einen echten Kultstatus. Die Aussicht eine Glas Rotwein oder frische Austern während eines Marathons im Kreis von Lauffreunden einzunehmen, ist heute für viele Spaß- und Genußläufer verlockender, als den Marathon nach dem Kriterium einer schnellen Strecke mit Chance zur persönlichen Bestzeit auszusuchen. Damit kein Mißverständnis entsteht: ich finde das in Ordnung. Niemand kann der Laufbewegung vorschreiben, daß sie so leistungsorientiert, wie in den 70er und 80er Jahren bleiben müsse.
Schlechtere Trainingsvorbereitung
Trat man früher im Vereinstrikot zum Leistungsvergleich an, so dominieren heute mehr und mehr Läufer, die nicht in Vereinen organisiert sind. Man lief alleine oder mit Freunden aus Fitness- und Gesundheitsgründen im Wald vor sich hin bis man plötzlich durch Bilder aus dem Fernsehen über das Thema Marathon stolperte. Stark Übergewichtige beschließen sich durchzuquälen. Einmal muss das Kamel durchs Nadelöhr! “Marathon, daß Matterhorn des kleinen Mannes!” Eine weniger gute Konsequenz der spontanen Verlockung ist, daß zunehmend Läufer bei ihrer Marathonpremiere nicht nur schlecht vorbereitet, sondern gleichzeitig den ersten Wettkampf ihres Lebens laufen und dabei in ihrer Unerfahrenheit gleich alle Anfängerfehler auf einmal machen. Das kann beim Marathon, wo der Mann mit dem Hammer gnadenlos auf solche naiven Opfer wartet, ein schmerzvolles und frustrierendes Debakel werden. Viel besser wäre es gewesen, abzunehmen, sich einige Jahre Zeit zu lassen und vor dem Marathon erst mal Erfahrung über 10km oder beim Halbmarathon zu sammeln. Diesen klassischen Trainings- und Wettkampfaufbau haben Vereinsläufer durch ausgebildete Übungsleiter gelernt.
Die deutsche Marathonszene im Vergleich
In Deutschland gibt es mittlerweile über 100 Marathonveranstaltungen von Ammerndorf bis Zeil. In der Schweiz etwa 20 und in Österreich rund 15 Rennen über die klassische Distanz. Der Deutsche Leichtathletikverband schätzte für 2004 die Zahl der deutschen Marathonläufer auf rund 100.000 ein. In den USA beendeten bei 270 Marathons rund 334.000 Läufer, sogenannte Finisher das Rennen. Die größten Marathons der Welt sind mit rund 30.000 und mehr Finishern in London, New York, Chicago, Paris und Berlin. Die meisten Teilnehmer hatte bisher 1996 der 100. Jubiläumslauf des traditionsreichen Bostonmarathons mit fast 40.000 Läufern.
Wie alt sind Marathonläufer?
Wir vergleichen Alter und Geschlecht beim Berlin Marathon 2003. Grafik 1 verdeutlicht, daß die am stärksten vertretene Altersgruppe bei Männer und Frauen 35 bis 45 Jahre alt ist. Der Laufboom hat nicht die Jungen Nachwuchstalente in die Laufschuhe gebracht, sondern eher diejenigen, die im Alltag längst die Endlichkeit ihrer Fitness festgestellt haben. Durch Lauftraining ist man zu einer ganzheitlichen Fitnessreise zu sich selbst gestartet und deren krönender Abschluss lautet Marathon! Bleibt zu hoffen, daß die sportlichen Eltern auf den Nachwuchs abfärben. Selbstverständlich demonstriert das breite Altersspektrum der Grafik, daß beim Laufen nicht nur Breitensportler und Elite gemeinsam am Start stehen können, sondern potentiell Enkel und Oma zusammen laufen können. Der älteste Marathonläufer bisher war 97 Jahre, genauso gab es bereits 8jährige, die die Königsdistanz in (zu) frühen Jahren in Angriff nahmen.
Frauen auf dem Vormarsch
Noch 1927 ließ man Frauen mit Kinderwagen zur Volksbelustigung um die Wette laufen. Marathon wurde für Frauen erst 1984 olympisch. Doch unter dem frühen Einfluß von Dr. Ernst van Aaken übernahm Deutschland beim Frauenlauf zeitweilig sogar eine weltweite Vorreiterfunktion. 1967 stellte Anni Pede-Erdkamp in Waldniel mit 3:07:26 eine neue Weltbestleistung im Marathonlauf für Frauen auf. 1968 wurden beim Bräunlingen Marathon im Schwarzwald bereits offiziell Frauen zugelassen. 1974 veranstaltete Dr. van Aaken in Waldniel einen ersten Marathonlauf nur für Frauen. 1975 bis 1977 steigerte zuerst Liane Winter und dann Christa Vahlensieck, trainiert von meinem Bruder Manfred Steffny, die Weltbestzeit bis auf 2:34:47 Stunden. Die Grafiken 1 bis 4 zeigen in der Legende jeweils auch den prozentualen Anteil der Frauen von Frankfurt 1985, Berlin und New York 2004 und Hamburg 2005. Aus Grafik 1 ist zu ersehen, dass Frauen unter 30 Jahren fast ein Drittel der Männerzahlen erreichen, in den höheren Altersklassen sind sie prozentual etwas weniger vertreten. Die Grafik 2 zeigt von 1986 bis 2005 die Zunahme der Finisherzahlen und den von rund 7 stetig bis auf 19 Prozent anwachsenden Anteil der Frauen beim Hamburg Marathon. Mitte der 80er Jahre betrug der Frauenanteil bei uns durchschnittlich nur etwa 8 Prozent. Während in Berlin 2004 und Hamburg 2005 mittlerweile rund 19 Prozent Frauen finishen, ist der Frauenanteil in den USA mit 30 bis über 40 Prozent bereits erheblich höher. Beim Honolulu Marathon in Hawaii stellen die weiblichen Teilnehmer sogar die Hälfte! Auch bei uns ist zeitversetzt noch ein deutliches Wachstum beim Frauenanteil zu erwarten. Die Spaß- und Genusslaufbewegung kommt Frauen nicht nur entgegen, sondern wird maßgeblich auch von ihnen getragen!
Die schnell laufen Marathonläufer?
Für diese Fragestellung möchte ich in Grafik 3 zunächst den Berlin Marathon mit New York jeweils für 2004 vergleichen und einen historischen Vergleich vornehmen, den ich in Grafik 4 für den Frankfurt Marathon 1985 und Berlin 2004 angestellt habe. Frauen laufen in den USA durchschnittlich eine Zeit von 5:04 Stunden. Die Männer sind mit 4:27 Stunden etwas flotter unterwegs. Vergleicht man Berlin mit New York 2004, so kommen die Läufer in Deutschland durchschnittlich eine dreiviertel Stunde früher ins Ziel. Am engsten geht es in Berlin also bei den 4:00 Stunden Läufern auf der Strecke zu. In Honolulu laufen wärmebedingt bei 6:00 Stunden noch ganze Heerscharen ins Ziel, wo in Berlin das Feld bereits stark ausgedünnt ist.
Immer mehr – immer langsamer
Beim historischen Vergleich der Grafik 4 wird die Spitze beim Marathon kurz gesagt immer dünner und der Schwanz immer dicker. Das ist nicht nur statistisch aus dem Verteilungsmuster der Grafik ersichtlich, sondern auch durchaus physiognomisch zu verstehen, denn die Zahl der übergewichtig teilnehmenden Marathonläufer, der sogenannten „Maratonnis“ nimmt laufend zu. Während man in den 80er Jahren bei uns das Ziel nach fünf Stunden schloss, kommt heute noch ein Großteil der Läufer in dieser Zeit und langsamer über den Zielstrich. Der Frankfurt Hoechst Marathon war in Deutschland bis 1985 die Nummer eins. Nirgendwo sonst gab es eine so hohe Leistungsdichte wie dort. Als sich der Hauptsponsor 1986 aus dem Rennen zurückzog, konnten Berlin und Hamburg die Lücke schließen.
Keine Spitzenläufer mehr
Der Vergleich des Frankfurt Marathons 1985 mit dem Berlin Marathon 2004 zeigt einige Unterschiede in der Entwicklung der letzten 20 Jahre auf. Bei 7.296 Finishern kamen 1985 in Frankfurt 1.735 Läufer unter 3:00 Stunden ins Ziel. Das sind fast 24 Prozent aller Läufer! Bei 28.023 Finishern, also fast viermal soviel Läufern, schafften das in Berlin nur noch 1.257 Teilnehmer. Das sind gerade mal 4,5 Prozent. Auch der Weltrekord des Kenianers Paul Tergat in 2:04:55 auf der schnellen Berliner Strecke kann nicht darüber hinweg täuschen, dass die Leistungsdichte auch bei den ambitionierten Freizeitläufern deutlich zurückgegangen ist. Unter 2:30 Stunden liefen 1985 in Frankfurt 146 in Berlin 2004 nur noch 71 Läufer. Das sind trotz des Riesenteilnehmerfeldes weniger als halb so viele und prozentual mit 2,2 gegen 0,25 Prozent der Gesamtläuferzahl sogar fast 10mal weniger! Die gesamtdeutschen Statistiken verzeichneten 1985 bei den Männern im Spitzenbereich 48 Zeiten unter 2:20 Stunden einen Rekordstand. Sie wurden von 34 Läufern erzielt. Im Jahre 2004 schafften das gerade mal noch 5 Läufer! Das entspricht einem Rückfall auf den Stand der 60er Jahre! Das Gute daran: schlechter kann es eigentlich nicht mehr werden…. Mehr zur Laufbewegung und Marathonlauf in Herbert Steffnys neuem Buch: ”
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4. Dezember 2009 @ 12:47
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