on 28. Dezember 2008 by guest1 in Laufberichte, Comments (0)

Lieber alleine im Wald als vor laufender Kamera

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Lieber alleine im Wald als vor laufender Kamera

Eine eigene Kolumne soll ich hier bekommen. Der Anruf der Redaktion hat mich etwas überrascht. Dieter Baumann schreibt in „Runners World”, und jetzt ich? Was hat die denn schon erreicht, dass sie sich hier zu Wort melden darf, werden einige denken. Olympiasiegerin bin ich nicht, wahrscheinlich werde ich es sogar nie werden. Aber vielleicht ist es interessant, von jemandem zu lesen, der sich noch nicht mit riesigen Erfolgen brüsten kann, sondern auf der Suche nach dem persönlichen Erfolg ist! Ich jedenfalls sehe es als Chance, Ihnen meinen Spaß am zu vermitteln, vielleicht lassen Sie sich ja anstecken.

Die Weltmeisterschaft in Helsinki

ist für mich mittlerweile Vergangenheit, mein Blick geht schon in Richtung Europameisterschaft 2006 in Göteborg. Die Tage in Helsinki waren für mich sehr aufregend. Dass der DLV sich mit fünf Medaillen geschmückt hat, war ein toller Erfolg. Mit meiner Leistung war ich nicht ganz zufrieden. Platz 17 über 10.000 Meter, sieben Sekunden über meiner Bestzeit…
Das ist nicht das, was zählt, abgerechnet wird nach Medaillen. Aber kann ich jemals eine holen? Mit der Einstellung meiner Bestzeit wäre ich einige Plätze weiter vorne gewesen, hätte ich einen Deutschen Rekord aufgestellt, wäre Platz elf drin gewesen. Aber ist das so viel besser? Gut, vor einigen Jahren hätte man mit meinem Niveau weiter vorne ins Ziel kommen können. Aber was hilft das Kramen in der Geschichte? Wir leben im Hier und Jetzt -und darüber bin ich auch sehr froh.
Nach dem Rennen hat sich bei mir die ganze Anspannung entladen. Es war wieder tränenreich. Ich habe mittlerweile gemerkt, dass solche Auftritte nicht hilfreich sind. Wäre ich kein Mensch, der sich in der Öffentlichkeit bewegt, würde es keinem auffallen. So haben mal wieder viele
zugeschaut. Aber ich schäme mich keiner einzigen Träne. Meist weine ich, wenn ich keine Kraft mehr habe. Und verstellen will ich mich nicht. Ich bin so wie ich bin!
Viele haben meinen Mut bewundert, dass ich mich danach auf die Couch von Stefan Raab gesetzt habe. Ich war mir bewusst, dass er die Möglichkeit hatte, sich richtig über mich lustig zu machen. Aber davor hatte ich keine Angst, ich stehe zu dem was ich tue und sage! Durch den Auftritt habe ich viele Fans dazugewonnen. Aber mich haben auch viele – natürlich anonym – kritisiert. „Naiv” sei ich, ein „Dummchen”, ein wirklich „armes kleines Häschen” und erst recht „keine Werbung für die Leichtathletik”.
Ich bin weder naiv, noch dumm, ich
bin einfach ein Mensch, der auf andere Menschen zugeht und immer noch an das Gute im Menschen glaubt! Wenn das dumm oder naiv ist, okay, dann muss ich wohl mit dieser Kritik leben. Dennoch: Für mich ist das Thema TV-Auftritt erst einmal gegessen, obwohl einige Angebote kamen. Aber die interessieren mich nicht, denn ich möchte einfach nur laufen, das macht mir am meisten Spaß.
Und Sie? Es ist im übrigen nie zu spät, mit dem Laufen anzufangen! Ich habe erst mit 16 begonnen. Eigentlich nur, weil es mir Spaß gemacht hat, neben der Schule noch etwas für Körper und Geist zu tun. Mit 16 Jahren habe ich meine Ausbildung zur Industriekauffrau begonnen, meine Zukunft war ausgelegt auf einen normalen Arbeitsalltag mit Spaß und Tanz am Wochenende.
Aber irgendwie kam alles anders! Meine Mami, selbst verrückte Läuferin, nahm mich mal einen Nachmittag mit auf ihre Laufstrecke. Dann wollte ich es ihr zeigen. Ich war echt schnell unterwegs und saß abends bei meinen Eltern – mal wieder weinend – auf dem Sofa, weil sie meinten, ich müsse was aus meinem Talent machen. Ich wollte aber nichts machen…
Mittlerweile bin ich bei der Bundeswehr, darf jeden Tag laufen und hätte nie gedacht, dass ich richtig süchtig werden würde. Heute verfluche ich jedes Gewitter, das mich zu einer Laufpause zwingt. Nie hätte ich gedacht, dass ich mein Hobby zum Beruf machen könnte. Einiges hat sich also binnen kurzer Zeit geändert, das Interesse der Medien, der Sponsoren einfach alles. Nur wissen Sie, wer sich nicht geändert hat? Das bin ich! Und so möchte ich bleiben. Warum sollte ich mein Naturell ablegen – auch wenn ich manchmal etwas aufbrausend bin? Ich habe mir immer vorgestellt, wie es wohl sein könnte, bekannt zu sein. Jetzt weiß ich es. Verständlicherweise ist nicht alles positiv, aber wenn ich im Wald bin und laufen darf und mal eine Stunde den Mund halte, kein Mensch bei mir ist, dann bin ich der glücklichste Mensch auf Erden – auch ohne Medaille.

Eure Mocki

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